
Pfingsten 2010 findet der 3. Europäische Familienkongress in Schönstatt statt.
Pater Elmar Busse stimmt mit einer Artikel-Serie auf das sperrig klingende Thema - der Schönstättische Bindungsorganismus - ein. ACHTUNG: leider keine langatmig-theoretische Abhandlung, sondern bloß sensationell ansteckend und mitreißend geschrieben...
In diesem Artikel: "Beobachten - Vergleichen - Straffen - Anwenden"
Teil 2 - Vergleichen oder Archäometrie - eine ganz neue Wissenschaft
Archäometrie – eine ganz neue Wissenschaft
Im Frühjahr 2006 wurde in Mannheim das Curt Engelhorn Zentrum für Archäometrie eröffnet. „Archäometrie“ bedeutet mit modernsten wissenschaftlichen Methoden Gegenstände aus Metall zu untersuchen. Denn auf dem Antiquitätenmarkt tummeln sich nicht nur Sammler sondern auch Ganoven. Schließlich ist mit alter Kunst viel Geld zu verdienen. Doch wie soll man eine angeblich 1000 Jahre alte Goldmaske aus Peru auf ihre Echtheit hin untersuchen? Wie kann man Fälschungen entlarven? Ernst Pernicka, Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Archäometrie, berichtete, dass 80% der Objekte aus einer Westafrikasammlung, die ein seriöser Sammler der Universität Bochum stiften wollte, Fälschungen waren. Der Sammler war geschockt.
Ein chemischer Fingerabdruck
Moderne Edelmetalle sind in verschiedenen Verfahrensstufen gereinigt. Antike Metalle enthalten stets Spurenelemente. Deren unterschiedliche Zusammensetzung je nach Herstellungsort ist so etwas wie ein chemischer Fingerabdruck. Ein weiteres Prüfungsverfahren beruht auf der Tatsache, dass fast alle Metalle Blei enthalten. Blei besteht aus einer Mischung von 4 Isotopen (=Atome mit unterschiedlichem Atom-Gewicht). Die Mischung dieser Isotope ist für verschiedene Lagerstätten charakteristisch. So konnte man in einer angeblich altindischen Bronzestatue Kupfer aus den Rocky Mountains nachweisen. Unter dem Mikroskop kann man auch die unterschiedlichen Fertigungsverfahren erkennen: Wurde ein Blech antik gehämmert oder modern gewalzt? Ist der Golddraht aus einem Blechstreifen geschnitten oder kalt gezogen durch die konische Bohrung in einem Diamanten, dem so genannten Ziehstein? Viele von den heute in Mannheim angewendeten Verfahren waren schon länger bekannt. Aber erst als im Rahmen des Apollo-Raumfahrtprogramms das Max-Planck-Institut für Kernphysik beauftragt wurde, Mondproben zu untersuchen, hat man die verschiedensten Analyseverfahren und die dazu notwendigen teuren Geräte in einem Institut zusammengefasst und entsprechende Fachleute ausgebildet. Winzige Mengen Material reichen für die jeweiligen Untersuchungsmethoden. So bleibt das antike Kunstwerk – so es wirklich eines ist – erhalten.
Dieser kleine Ausflug nach Mannheim kann uns verdeutlichen, wie hilfreich es ist, vergleichen zu können und so Fälschungen von echten Kunstwerken unterscheiden zu können.
Vergleichen können setzt einen weiten Horizont voraus
In der Pädagogik Pater Kentenichs spielt das Vergleichen auch eine wichtige Rolle. Beobachten – Vergleichen – Straffen – Anwenden. Immer wieder kommt er auf diesen methodischen Viererschritt zu sprechen, wenn er seine eigene Praxis erklärt und weitergibt. Wenn sich in der Seele etwas verändert – ist das nun ein gutes Zeichen oder ein schlechtes? Bedeutet dies Wachstum, Wucherung oder Zerfall?
„In gute Gesellschaft begeben“
Aufgrund des intensiven Studiums vieler Heiligenbiographien und aufgrund der Reflexion der eigenen seelischen Entwicklung stand Pater Kentenich ein reicher Fundus an Vergleichsmaterial zur Verfügung, um die Beobachtungen, die er angestellt hatte, auch richtig deuten zu können. Wenn sich einer seiner Schützlinge „in guter Gesellschaft“ befand – damit meine ich jetzt nicht seine unmittelbaren Freunde oder Kameraden, sondern wenn es in der Biographie eines späteren Seligen oder Heiligen ähnliche Entwicklungsschritte gab – dann hatte Pater Kentenich ein gutes Gefühl. Immer wieder regte er an, sich in diese gute Gesellschaft zu begeben und Heiligenbiographien zu lesen. Am meisten kann man von den Besten lernen. Das gilt nicht nur in der Naturwissenschaft oder im Sport, sondern auch im Christsein.
Straffen
Nach dem Vergleichen kam das Straffen. Damit umschrieb er die Findung von letzten Prinzipien oder Glaubenswahrheiten. Letztlich musste ja seine Pädagogik mit dem katholischen Menschen-, Gemeinschafts- und Gottesbild vereinbar sein. Und er betonte, dass in den ersten Jahrhunderten des Christentums um das wahre Gottesbild gerungen wurde, im Mittelalter und in der Reformation um das Gemeinschafts- und Kirchenbild und in der Neuzeit um das Menschenbild. Dort hat er die meisten Häresien beobachtet. Denken wir nur an den Nationalsozialismus und seine Theorie vom Übermenschen oder an den Sozialismus, der den einzelnen Menschen der Masse unterordnete und die Freiheit nicht ernst nahm.
Gabe der Unterscheidung der Geister
Auf diesem Hintergrund wird auch verständlich, dass er relativ früh in einem Gespräch mit Kardinal von Galen, als dieser noch daran dachte, den vitalen aufkommenden Nationalsozialismus taufen zu können, meinte: „Ich wüsste keine Stelle, an der das Taufwasser auftreffen könnte.“ Diese Gabe der Unterscheidung der Geister ist einerseits ein gnadenhaftes Geschenk, andererseits aber auch das Ergebnis eines intensiven Studiums. 1960 schreibt er rückblickend auf seine Seelsorgstätigkeit (über sich in der 3.Person):
„Kaum hatten sich ihm jedoch Türen und Fenster nach draußen geöffnet, da kamen von allen Seiten Patienten zu ihm. Es waren Laien und Priester. So geschah es bereits am Anfang der zwanziger Jahre... Das war nicht selten eine saure Arbeit. Viel leichter wäre es gewesen, die Finger davon zu lassen und sich mit allgemeinen frommen Sprüchen aus der Situation herauszuhalten, wie es viele Priester zu tun pflegen. So handelt aber nicht der Gute Hirt, der sein Leben für seine Schafe gibt. Er tut alles - auch wenn es ihn viel Studium, viel Nervenkraft und Zeit kostet -, um sie vor Schaden zu bewahren und ihnen die volle innere Freiheit der Kinder Gottes, soweit das möglich ist, zurückzugeben.
Weil wir von unserer Seite vielfach nicht einmal fähig und bereit sind, die alten, bewährten Moralgrundsätze und Pastoralregeln mutig, erleuchtet und klug anzuwenden, haben sich in der Folgezeit - wie überall mit Bedauern festgestellt wird - die Sprechzimmer der Psychotherapeuten gefüllt, während unsere Beichtstühle mehr und mehr leer werden. Der zeiten- und seelenkundige Seelsorger weiß um die tiefgehende und allseitige moderne Lebenskrise und um deren praktische Auswirkungen in seiner Gefolgschaft. Er hat den Mut und bringt die Kühnheit auf, sich damit auseinanderzusetzen, Heilmittel zu suchen und vorsichtig und umsichtig anzuwenden.“
Pater Elmar Busse ist Schönstatt Pater und seit vielen Jahren in der Jugend- und Familienseelsorge tätig.